Caen's Lair

Der Verhängnisvolle Ball

Kapitel 1

In einem vom Frühling frisch begrünten Mischwald fand ein Ball der Tauben statt. Frau Robinie, ein hohes Tier in der dortigen Vogelgesellschaft, organisierte ihn zu Ehren ihrer Tochter, die gerade aus der angrenzenden Stadt zurück in den Wald gezogen war: Frau Klee Robinie war eine forsche junge Dame, die oft und mit Leichtigkeit Freunde sammelte - es waren jedoch nur wenige von ihnen eingeladen.

Der Taubenball war eine sehr geschätzte Tradition, die nie ohne viel Drumherum über die Bühne ging - er würde das Event des Jahres sein. Auf der Gästeliste standen deshalb nur die, von denen man erwarten konnte, dass sie sich auch benahmen, sowie einige unvermeidbare.
Als 'unvermeidbar' kamen unter anderem auch Frau Robinie Juniors engste Freundin - obwohl sie eine Amsel war - und Frau Rosmarin Buches Nichte Frau Brennessel zu einer Einladung.

Statt fand der Ball wie üblich in der Ruine eines verlassenen Baumhauses. Mittlerweile waren die Äste der alten Stieleiche wie ein Schirm über die wenigen verbleibenden Bretter gewachsen, sodass die größtenteils intakte Bodenfläche einen ansprechenden Veranstaltungsort hergab. Der Blickschutz, den das Astgeflecht bot, und die vielen Sitzmöglichkeiten darin hatten das Baumhaus ebenfalls zu einem beliebten Rastort für vorbei ziehende Vogelschwärme gemacht.

Für den Ball zu Frau Robinies Ehren war die Baumkrone mit Girlanden aus getrockneten Früchten geschmückt, zuvorkommenderweise von Frau Wacholder bereitgestellt. Diese sammelte und trocknete sie selbst und war deshalb bei ihren nächsten Nachbarn sehr unbeliebt, jedoch im Rest des Waldes hoch geschätzt.
Mit ihrer großen Lungenkapazität sind Vögel besser dafür geeignet bestimmte Musikinstrumente zu spielen als andere - die Band, die Frau Robinie die Ältere für den Ball engagierte, bestand aus vier Drosseln mit Blasinstrumenten und einem Specht, der rhythmisch auf eine Trommel eindrosch.

Ein beeindruckendes Buffet aus Früchten, Nüssen, Samen und Sprösslingen war auf mehreren Tischen zu beiden Seiten der Tanzfläche ausgebreitet worden.

Frau Robinie hatte an nichts gespart und in Vorbereitung auf den Ball den feinsten Löwenzahnwein brauen lassen. Natürlich war die Hauptattraktion der traditionelle grüne Salat, ein saisonales Gericht aus den im Frühling gerade austreibenden Sprossen von Kräutern und den ersten Blättchen der Laubbäume, garniert mit bitteren eingelegten Bucheckern.
So wie man als Mensch einen Kuchen zu Festlichkeiten anschneiden würde, lagen einige ganze getrocknete Früchte aus. Ihre giftigen Kerne würden erst kurz vor dem Anrichten herausgeschnitten werden, damit sie so frisch wie möglich sein würden.

Für Frau und Herrn Amsel gab es eine Schale frisch aus der Rinde der Eiche gepflückter Larven, obwohl dies Herrn Amsel nicht daran hinderte, sich lautstark in seiner fiepend hohen Stimme darüber zu beschweren, wie wenig Protein am Buffet zur Auswahl stand. Auch meckerte er über Herrn Kastanie, einen rundlichen Tauber, der lange um den Tisch herumlungerte, um vorbeigehende Tauben darauf hinzuweisen, um was für Käfer es sich bei den Larven handelte, oder vielmehr hätte handeln können.
Da dies normales Verhalten für sowohl Herr Kastanie als auch Herr Amsel war, scherte sich kaum jemand darum.

Am Eingang stand, direkt neben Frau Robinie und ihrer Tochter, die brav mit ihr die Gäste willkommen hieß, eine Schüssel Rosenwasser, in der sich die Ankommenden die Schnäbel waschen konnten.
Dieses exotische Luxusgut hatte Frau Klee Robinie ihrer Mutter als Gastgeschenk aus der Stadt mitgebracht, wo die Zierpflanze nicht schwierig zu finden war. Frau Robinie hielt nicht viel von der Entscheidung ihrer Tochter, sich Stadttaube zu nennen, und sie hielt noch weniger von den gemeinen Felsentauben, die einen Großteil der dortigen Taubengesellschaft ausmachten, obwohl sie zu höflich war, dies in der Öffentlichkeit zu sagen. Nichts desto trotz profitierte sie nur zu gerne von dem erleichterten Zugang zu Kulturgütern, den ihr die Entscheidung ihrer Erstgeschlüpften ermöglichte.
Auch viele der zahlreichen Körner, die den Gästen zur Auswahl standen waren in den Kröpfen von Stadt- und Brieftauben importiert, aber über solch triviales Volk sprach man eben nicht gerne.

Frau Brennessel, eingeladen weil es Fragen aufwerfen würde, wenn sie es nicht wäre, fand sich so in der unangenehmen Position die einzige Felsentaube zu sein, die den Ball besuchte. Ihre Tante und deren Gemahlin hatten ihr versichert dass sie keine Anfeindungen erleben würde, und doch wurde ihr schon am Eingang deutlich gemacht, dass sie mehr Attraktion als Gast war.

"Sie können mir nicht nachsagen, ich wäre voreingenommen," flüsterte hinter ihrem Rücken Frau Robinie zu ihrer Tochter, die so tat, als hätte sie es nicht gehört.

Die Buches wurden fast sofort in eine Unterhaltung mit Herr Eiche gezogen, der ein Freund der Familie war, welcher Rosmarin als Jungtaube oft betreut hatte. Auf sich gestellt schlenderte Frau Brennessel bald zum Buffet herüber, um sich ein Glass Löwenzahnwein einzugießen. In der Stadt veranstalteten die Tauben keine Bälle, denn solche Traditionen wurden als veraltet und im menschlich geprägten Biotop als unpassend empfunden.

Sie stand nicht lange, bevor eine elegante Taubendame auf sie zu getrippelt kam. Ihr weißes Gefieder war von einem entzückenden Hellbraun durchzogen und am Hals stand es in einem schmucken Kragen ab wie eine Federboa. Auch ihre Beine waren fast bis zu den Zehen befiedert. Die Buches hatten Frau Brennessel vor ihr gewarnt.

Die Herzogin war eine schöne wild lebende Zuchttaube, und aus vielen Teilen des Raumes folgten ihr Blicke.

"Oho, wen haben wir hier, ein neues Gesicht! Coucou, ma chéri."

Sie hatte eine sehr markante Gestik, und ihr Köpfchen schaukelte auf und ab während sie sprach. Frau Brennessel stellte sich vor und stand dann freundlich nickend herum, während Die Herzogin ihr alles Belanglose über die anderen Gäste erzählte, was ihr in den Kopf kam und mehrere Gläser Wein trank, als wäre es Wasser.

Sie wurde schlussendlich von Herr Ahorn erlöst, einer modisch gekleideten Türkentaube, die, wie ihr Die Herzogin gerade anvertraut hatte, eingeladen war, weil er der Nachbar der Robinies war und immer sehr traurig guckte, wenn Frau Robinie ihn nicht mit einer Einladung bedachte.

"Tiens, wir treffen sicher noch einmal aufeinander Schätzchen," gurrte Die Herzogin und drückte in einer unangenehm vertraulichen Geste ihren fedrigen Hals zur Verabschiedung gegen Frau Brennessels. Dann verschwand sie mit Herr Ahorn im Gemenge, und Frau Brennessel wanderte herüber zum nächsten Tisch, wo sich Herr und Frau Linde mit Herrn Robinie unterhielten, der sich davon sichtbar sehr in die Ecke gedrängt fühlte.

Um an die kandierten Haselnüsse zu gelangen, musste Frau Brennessel sich an ihnen vorbei zwängen, was die Aufmerksamkeit der drei auf sie zog. Frau Linde brach sogar ihre wortreiche Lobhuldigung von Frau Robinies Organisationsfähigkeit ab, um sie anzusprechen.

"Oh, und du musst Frau Buches Nichte sein! Sag, wie geht es deiner Mutter! Wir haben sie ja seit du gerade flügge warst nicht gesehen!"

Während sie sich vorsichtig zu Frau Linde drehte, um nicht mit den Schwanzfedern den gesamten Buffettisch abzuräumen, sah sie gerade noch aus dem Augenwinkel, wie sich Herr Robinie aus dem Staub machte.


Kapitel 2

"Und er war so groß!", erzählte Frau Robinie die Jüngere angeregt und schlug mit den Flügeln, um zu illustrieren wie groß der Hund gewesen sei. Dabei schlug sie fast Frau Brennessel ins Gesicht, die just in diesem Moment zur Gruppe hinzustieß.
Löwenzahn, eine lebhafte Jungtaube, Frau Esche, eine gutmütige ehemalige Brieftaube und Frau Wacholder, die ihrer Geschichte aufmerksam zuhörten, machten alle drei beeindruckte 'oh's.

Frau Brennessel schluckte ihre letzte kandierte Haselnuss und beäugte den Salat. Er war in mehreren großen Rindenschalen über den Raum verteilt, aber an diesem Tisch stand eine weitere, kleinere Salatschale.
Auch hier schien es sich auszuzahlen Der Herzogin zugehört zu haben, denn so wusste sie, dass diese Portion wohl für Frau Esche bestimmt sein musste, die unter einer Winterlindenunverträglichkeit litt.

"Und wie sind sie ihm dann entkommen?", fragte Löwenzahn ehrfürchtig und Frau Robinie legte das Köpfchen schief, als müsse sie darüber nachdenken.

"Nun, da Hunde nicht gut schwimmen können, ist es einfach sie auszutricksen. Man muss nur hoch genug fliegen, dass sie einen nicht im Sprung erfassen können und sie zu einem Teich locken! Wenn sie dann erst einmal nass sind, verlieren sie die Lust am Morden."

Ihre Zuhörerschaft zwitscherte aufgeregt, während Frau Brennessel ein Krällchen hob, um sich am Hals zu kratzen. Die beschriebene Taktik war in Stadtparks beliebt. Hunde waren gute Schwimmer, nur konnten sie nicht gleichzeitig schwimmen und nach einem schnappen - aber das wusste Frau Robinie natürlich. Sie wusste nur eben auch, was es war, dass die Tauben im Wald an Stadtgeschichten so spannend fanden.

"Mit Katzen funktioniert so etwas nicht," bemerkte Frau Brennessel, einzig und allein damit sie Holunder später erzählen könnte, sie habe am Gespräch teilgenommen. "Sie scheuen Wasser und man muss sie erschrecken oder verwirren, ehe sie von einem ablassen."

Frau Robinie plusterte sich auf, um den Ernst des Themas zum Ausdruck zu bringen.
"So ist es! Und Katzen können sogar klettern."

"Oh wie überlebt ihr es, da in der Stadt?", fragte Frau Wacholder, ihr Köpfchen ängstlich zurückgelegt.

"Man muss lernen, wie ein Monster denkt. Nur so kann man Orte finden, wo man vor ihnen sicher ist," begann Frau Robinie verschwörerisch.
Bevor sie jedoch ihren Gedanken beenden konnte, vernahmen sie von der anderen Seite des Raumes ein plötzliches Krachen. Alle Köpfchen schnellten hoch und da die umstehenden Vögel beiseite gestoben waren, konnten sie sehen, dass eine Schüssel Körner von einem Buffettisch gefallen war, vermutlich herunter gerissen von Herrn Linde, der eilig versuchte die Schüssel wieder auf den Tisch zu heben. Dabei entglitt sie ihm zweimal, bevor er sie zu fassen bekam.

Nachdem der erste Schreck vorbei war, begannen die näher dabei stehenden Tauben eifrig die gefallenen Körner aufzupicken.
"Bestimmt mit dem Schwänzchen vom Tisch gewischt," sagte Frau Linde, die währenddessen hinter Frau Brennessel zu stehen gekommen war, ohne dass diese dies bemerkt hatte.
Frau Brennessel beugte sich herunter, um ein einzelnes Körnchen aufzulesen, das bis zu ihr gerollt war.

"Ich habe gehört, in der Stadt benutzen sie kein Geschirr," fragte Frau Wacholder, in der klaren Hoffnung, mehr von Frau Robinies mitreißenden Berichten aus der Stadt zu hören.
"Ha! Die ganze Stadt ist unser Teller - Einmal habe ich gesehen," setzte Frau Robinie zu einer sicherlich wilden Geschichte an, wurde jedoch erneut unterbrochen.

"Die Damen," sagte Herr Weißdorn, eine ansprechend rundliche Ringeltaube, die einen schmucken Zylinder trug.

Frau Robinie wechselte sofort in den ihrer Familie anscheinend ins Nest gelegten Gastgebermodus, und gurrte etwas darüber, wie ihm denn das Buffet gefiele. Herr Weißdorn war einer der engeren Freunde ihrer Mutter und damit vermutlich schon ihr gesamtes Leben Gast bei jeder Veranstaltung, die die Robinies abhielten.
Erst als er jedes Gericht das zu haben war einzeln in den höchsten Tönen gelobt hatte, schien er die anderen anwesenden Tauben wirklich zu bemerken, die den Austausch bisher still beobachtet hatten.

"Löwenzahn, Liebling, hast du Spaß?"

Seine Tochter gab einen kurzen, wesentlich weniger gut gelaunt klingenden Laut von sich und schaute genervt weg. Ohne sich von ihrem mangelnden Enthusiasmus aus der Ruhe bringen zu lassen, wandte er sich als nächstes Frau Brennessel zu.

"Und sie sind der werte Besuch aus der fernen Stadt?"

"Die Gerüchteküche erfasst also wirklich jede Taube, die die Grenze zum Wald übertritt," erwiderte sie, und fühlte sich sofort ein wenig vorwitzig. Zu ihrem Glück fand Herr Weißdorn das amüsant und nicht frech. "Meine Tochter lernt bei ihrer Tante das Kunstfliegen, natürlich habe ich von ihrer Ankunft gehört! Die Buches haben die letzte Woche über wenig anderes geredet als ihren bevorstehenden Besuch."

"Nur Schmeichelhaftes, hoffe ich?"

"Selbstverständlich meine Gute! Kommen sie, kommen sie, gehen wir eine Runde."

Herr Weißdorn erzählte ihr lang und breit von einer Horde Krähen, die neuerdings die Südgrenze des Waldes heimsuchten und ehe sie sich versahen, war es schon Zeit zum feierlichen Früchteanschneiden.


Kapitel 3

"Familie und Freunde, Nachbarn und Vertraute," begann Frau Robinie, als sich alle um den Früchtetisch eingefunden hatten.
"Wie ihr alle wisst, sind wir heute hier zusammengekommen, um die Wiederkehr meiner geliebten Tochter..." An diesem Punkt hörte Frau Brennessel auf zuzuhören. Gelangweilt schweifte ihr Blick erst über die versammelten Gäste, dann höher, bis sie schlussendlich in die durchs Blätterdach sichtbaren Fetzen Himmel starrte. Es war früh am Tag, hell und wenig bewölkt. Als Stadttaube war sie es im Wesentlichen gewöhnt, den freien Himmel immer über sich zu haben und im Wald fand sie es oft schwieriger die Tageszeit abzuschätzen.

Vorne am Tisch begannen sie die Früchte anzuschneiden und nach und nach reihten sich die wartenden Tauben in eine ordentliche Schlange ein. Sie wartete brav bis man ihr einen Brocken getrockneter Pflaume abschnitt und wanderte dann an den Buffettischen entlang, um der Masse an Vögeln auf der nun eröffneten Tanzfläche zu entgehen.
Vor dem Tisch an dem der Löwenzahnwein ausgeschenkt wurde traf sie Herr Kastanie an, der schluckweise Wein aus einer hohlen Eichel trank. Er trug ein modisches Hütchen, das so aussah, als wäre es aus einem kleinen Kastanienblatt gefaltet.

"Kein großer Tänzer?", fragte sie und kam zu seiner Linken zu stehen.

"Keineswegs! Ich habe zwei linke Füßchen."

Er war ein Tauber von heiterem Gemüt, umso mehr nach einigen Gläsern Wein, obwohl Frau Brennessel ihn nicht gut genug kannte, um beurteilen zu können, ob das der Grund dafür war, dass er nicht tanzen wollte.

"Und sie? Tanzt man in der Stadt nicht?"

In der Stadt tanzte man tatsächlich kaum, eigentlich waren nur Balztänze kulturell relevant, aber das tat wenig zur Sache. Da sie im Wald geschlüpft war, hatte man Frau Brennessel schon als Küken die hier beliebten Gesellschaftstänze beigebracht - und seither hegte sie eine persönliche Abneigung gegen das Tanzen.

"Man tanzt," antwortete Frau Brennessel, "nur ich tanze nicht."

Herr Kastanie gurrte amüsiert, aber schien nichts Weiteres zu sagen zu haben. Sie standen eine Weile lang herum und beobachteten das rege Gemenge auf der Tanzfläche, bevor ihm etwas einfiel.

"Ach sagen sie - wie geht es denn Frau Diestel?"

Sie wichen beide zur Seite, damit Herr Ahorn ein Glas Wein einschenken konnte, welches er eilig zur Herzogin herüber trug.

"Als ich aufbrach hatte sie gerade von einer neu eröffneten Futterstelle in ihrer Nähe gehört - also mit etwas Glück sehr gut."

"Es muss angenehm sein, nicht für jedes Körnchen arbeiten zu müssen!", bemerkte Herr Kastanie. Normalerweise wurde so etwas mit Hohn oder sogar Eifersucht ausgesprochen, aber Herr Kastanie schien es tatsächlich nicht besser zu wissen. Sie brauchte eine gute Sekunde bevor ihr aufging, dass er vermutlich nicht einmal meinte, dass Stadttauben es generell einfacher hatten, nur dass gefüttert werden nett klang.

Egal wie charmant sie sein Unwissen finden mochte, sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie wohl auf so etwas antworten sollte. So hatte sie sich gerade damit abgefunden, einen belanglosen Kommentar über Futterstellenhygiene abzugeben, als eine Jungtaube aus der Baumkrone herab gesegelt kam und ungeschickt neben ihnen landete.

Er faltete aufgeregt und etwas ungeschickt seine Flügel und hüpfte herüber zu Herr Kastanie, der ihn ähnlich enthusiastisch begrüßte.

"Champignon! Na, was gefunden?"

"Ja, ich hab‘ eine gesehen!"

Herr Kastanie drehte sich zurück zu Frau Brennessel und erklärte ihr, er hätte Champignon gerade von den Larven des Grünen Eichenwicklers erzählt, und die Jungtaube hätte unbedingt sofort nach einer suchen wollen.

"Sie fressen besonders gerne die jungen Blätter in sich gerade öffnenden Knospen, deshalb ist jetzt die beste Zeit um sie zu sehen. Es sind wirklich sehr schöne Larven!"

Frau Brennessel kippte sich den Rest ihres zweiten Glases Löwenzahnwein ins Schnäbelchen und fragte desinteressiert: "Sind sie das?"

"Ja! Ein wahrlich hübsches Grün, mit schwarzen Gesichtern."

"Und Pünktchen!", fügte Champignon eifrig hinzu.

"Und Pünktchen. Im Sommer kann man sie fliegen sehen, die Flügel der Imago sind auch grün."

Auch er leerte sein Weinglas, doch anders als Frau Brennessel ging sich Herr Kastanie gleich ein neues holen.

"Übrigens fressen Grüne Eichenwickler auch gerne Brennnesselblätter," bemerkte Herr Kastanie.

"Hmhm," antwortete Frau Brennessel, die schon über das Wetter der nächsten Tage nachdachte.

Auf einmal wurden sie von einem Aufruhr auf der Tanzfläche abgelenkt, wo sich rasch eine gaffende Menge zu formen begann. Frau Brennessel, getrieben von unmöglich zu bändigender Neugier, sprang auf ohne einen weiteren Blick an ihre Gesprächspartner zu vergeuden. Da sie wesentlich kleiner war als die Ringeltauben, die einen Großteil der Gäste ausmachten, fiel es ihr nicht schwer, sich rasch durch die Masse an Vögeln zu winden.
Endlich erreichte sie den Ort des Geschehens: Es war Frau Esche, die leblos auf dem von Generationen von Vogelkrallen zerkratzten Holzboden lag. Ihr eines sichtbares Auge blickte leer und starr gen Himmel, und ihr Schnabel hing offen. Aus ihm tropfte immer noch ein kleines Rinnsal Erbrochenes.
Frau Esches fedrige Brust lag reglos, aber augenscheinlich unverletzt da, die Halskette aus Baumsamen, die vorher dekorativ um ihren Hals drapiert gewesen war, unschmeichelhaft verrutscht.
Neben ihr lag ein ausgelaufenes Glas Löwenzahnwein, der langsam vom Gefieder ihres abgespreizten Flügels aufgesogen wurde.

Frau Robinie drängte sich ebenfalls bis zur vordersten Reihe durch, schrie entsetzt auf und sank dann prompt selbst zu Boden. Ihr Hut glitt ihr vom Köpfchen und wurde von ihrem Sohn ergriffen, ehe jemand darauf treten konnte. Herr Linde und Rosmarin, die hinter Frau Robinie standen, taten ihr Bestes um sie zu wecken, und als es schien dass daraus nichts würde, bemühten sie sich, die ohnmächtige Taube aus der aufgeregt schnatternden Menge zu tragen.


Kapitel 4

"Beruhigen sie sich, beruhigen sie sich!", rief währenddessen Frau Robinie die Jüngere, die es noch nicht bis ganz vorne geschafft hatte und hüpfen musste, um über die Köpfchen der vor ihr stehenden sehen zu können. Es hatte den erwünschten Effekt - das panische Getuschel und Geflüster rundherum nahm ab. Jedoch war es dadurch nun ruhig genug, dass alle es deutlich hören konnten, als Die Herzogin sagte:

"Ma chéri, bei aller Liebe, wir haben einen Todesfall in unserer Mitte! Oh, quelle horreur, Mord! Wer unter uns könnte nur solch eine schreckliche Tat vollbringen!"

Jetzt da die Idee einer absichtlichen Tötung im Raum stand, begannen die versammelten Tauben einander misstrauisch zu beäugen.

"Das sagen sie doch jetzt nur, damit niemand sie verdächtigt," beschuldigte sie sofort Herr Amsel, der ein gutes Streitgespräch noch nie hatte ausschlagen können.

"Erinnern wir uns mal daran, was mit ihren ersten zwei Gemahlen passiert ist, häh?"

"Also ehrlich," schaltete sich Herr Ahorn ein, der irgendwo am äußeren Rand der Menge stand. "Beide - möge der gnädige Gott gut zu ihnen sein - sind sie durch Tierattacken gestorben! Das hätte doch wohl jemand hier mitbekommen."

Die Herzogin sah so aus als wollte sie etwas sagen, doch Holunder kam ihr zuvor.

"Bitte, lassen sie uns nicht grundlos mit solchen Anschuldigungen um uns werfen. Was für einen Grund würde Magnolie denn überhaupt haben, den Tod von Frau Esche zu inszenieren?"

"Genau," bekräftigte Herr Ahorn.

"Außerdem hatte ich damit damals auch nichts zu tun," murrte Die Herzogin, und Frau Brennessel hörte sie nur, weil sie so nah dran stand.

"Ich glaube, sie wurde vergiftet," bemerkte Frau Wacholder kleinlaut von Frau Brennessels anderer Seite.

"Vergiftet!", wiederholte Frau Amsel entsetzt, die es indes geschafft hatte, sich und Frau Robinie einen Platz ganz vorne zu erkämpfen.

"Man sieht wohl, was man sehen will," sagte Frau Linde abschätzig und senkte ihr Köpfchen um daran zu kratzen, was Frau Brennessel sehr respektlos erschien.

"Dann haben sie eine bessere Theorie als Gift, nehme ich an?", fragte Frau Brennessel, die Frau Wacholders Theorie für nicht unwahrscheinlich hielt. Frau Linde bedachte sie mit einem bösen Blick, erhob aber keinen weiteren Einspruch.

"Gut. Wer hat denn mit ihr getanzt, bevor sie umgekippt ist; hat sie sich vorher komisch benommen?", fuhr sie fort, jetzt da die Aufmerksamkeit des ganzen Raums eh schon auf ihr war.

"Herr Linde, dachte ich," antwortete Herr Robinie aus der Menge. "Ich äh ... ich gehe ihn holen."

Frau Brennessel sah ihm hinterher, wie er den gleichen Pfad nahm, den seine Mutter getragen worden war, bevor sich der Kreis aus Tauben wieder schloss.

"Wenn sie tatsächlich vergiftet wurde - heißt das wir sind vielleicht alle in Gefahr?", fragte Frau Robinie ängstlich.

"Die Eichelgläser! Oh ich habe doch immer gesagt Eicheln sind gefährlich," setzte Frau Amsel an, doch sie wurde unterbrochen, bevor sie noch mehr Unruhe säen konnte.

"Mach dich nicht lächerlich," rief Löwenzahn von weiter hinten, laut genug um das Getuschel zu übertönen. Unter den Blicken aller Versammelten drängte sich die Jungtaube vor, bis sie endlich vor Frau Brennessel zu stehen kam, von wo aus sie Frau Amsel böse anguckte.

"Wenn sie etwas hier vergiftet hat, dann ist es nicht das Generationen alte Eichelgeschirr, sondern wohl die getrockneten Früchte! Alles was man tun müsste, wäre die Pflaumen falsch zu schneiden."

"Also," protestierte der alte Herr Eiche, und da alle wussten, dass er seine Stimme nicht so heben konnte wie die Jungtauben, verstummten die Versammelten, um ihm zu hören.

"Ich habe schon Früchte angeschnitten als deine Großeltern noch im Ei waren, ich mache solche Fehler nicht."

"Außer vielleicht absichtlich!", kam Herr Amsels vorhersehbarer Zwischenruf.

"Ich will ja nur sagen, wir müssen es logisch angehen," protestierte Löwenzahn.

"Lass gut sein, Löwenzahn," riet ihr Champignon, der ihr in der Schneise, die sie sich durch die Taubenmenge gebahnt hatte, zu folgen versuchte. Sie plusterte sich wütend auf.

"Egal ob Eichelgeschirr oder falsch geschnittene Früchte, in dem Fall wären wir doch alle vergiftet. Also kann es das nicht gewesen sein," schloss Holunder.

Endlich kam Herr Robinie wieder, und alle Augen fielen auf Herrn Linde, der hinter ihm her trottete.

"Sie haben mit ihr getanzt?"

"Das habe ich."

Frau Brennessel wiederholte ihre Frage und Herr Linde schien unter der Aufmerksamkeit etwas in sich hinein zu versinken.

"Nun... sie schien mir schon ein wenig benommen, vielleicht? Und dann fing sie an so zu zucken..."

Das war genau, was Frau Brennessel erwartet hatte, und sie wandte sich von ihm ab, um Frau Wacholder ins metaphorische Scheinwerferlicht zu zerren.

"Frau Wacholder, sie kennen sich mit Giftpflanzen aus, nicht wahr?"

Die Herzogin hatte ihr nicht nur von Frau Wacholders Talent für das Beerentrocknen erzählt, sondern auch von ihrem gefürchteten Garten.

"Das tue ich," bestätigte Frau Wacholder nervös.

"Würden sie uns allen einen Gefallen tun und einen näheren Blick auf den Salat werfen gehen?"

Nur hoffentlich keinen allzu nahen, ehe sie noch zwei tote Tauben an einem Abend verantworten mussten.

Unsicher sah sich die Hohltaube um und entschied wohl, dass sie lieber dieser makaberen Aufgabe nachgehen würde, als weiter so von allen angestarrt zu werden.

"Chéri, den Salat?", fragte Die Herzogin.

"In einem hat Löwenzahn Recht, wir sollten die Sache logisch angehen. Da niemandem sonst unwohl zu sein scheint, suchen wir notwendigerweise nach etwas, womit nur Frau Esche in Kontakt gekommen ist, nicht wahr?"

"Wenn sie es so sagen, dann klingt es so, als hätte jemand sie gezielt vergiftet," bemerkte Frau Robinie zaghaft.

"He," rief Herr Amsel, flatternd auf und ab springend, damit man ihn zwischen den wesentlich größeren Tauben sehen konnte. "Wenn du so schlau bist, woher wissen wir denn, dass du's nicht warst?"

"Herr Amsel!", tadelte Herr Weißdorn.
"Was könnte die gute Dame darauf bringen, jemanden kaltblütig zu ermorden, den sie nicht einmal kennt!"

Frau Brennessel richtete sich auf und bedachte ihn mit einer drohenden Pose, die die Amsel nicht beeindruckte. Die ihr am nächsten stehenden Tauben zuckten zusammen.

"Ziehen sie mich nicht in ihr Vorstadtdrama hinein, ich versuche hier nur zu helfen. Wenn sie so viel Spaß an willkürlichem Misstrauen haben, müssen sie sich ja richtig darauf freuen vor versammelter Gesellschaft zu erklären, wieso sie selbst unschuldig sind wie ein frisch gelegtes Ei."

Für einen Moment herrschte geschockte Stille, dann brach das Geflüster erneut aus. Holunder warf ihr einen genervten Blick zu - das fiel jetzt nicht mehr unbedingt unter 'Helfen'.
Frau Brennessel bewegte ihre Enttäuschung kaum. Sie war bereits voll und ganz damit beschäftigt, die Fakten des Verbrechens mental nach Anhaltspunkten abzugrasen und hatte das Interesse daran verloren, einen höflichen Ton aufrechtzuerhalten. Wenn sie nie wieder zu so einer Veranstaltung eingeladen werden würde, wäre es ihr recht.

Die kurze Unterbrechung in den immer wilderen Anschuldigungen gab Frau Robinie die Möglichkeit, erneut zu versuchen die Situation in den Griff zu bekommen. Sie befahl die überlebenden Gäste von der Tanzfläche, damit eine kleine Gruppe zusammengestellt werden konnte, um Frau Esche vom Veranstaltungsort zu tragen.
Während Herr Weißdorn und Rosmarin die Leiche stemmten, schlich sich Frau Brennessel unbemerkt zum Buffettisch, wo Frau Wacholder immer noch den Salat beäugte.

"Und?", fragte sie, und sparte sich einen Kommentar darüber, wie Frau Wacholder zusammenzuckte als sie sie ansprach.

"Das hier sieht definitiv aus wie eine Blumenzwiebel."

Frau Brennessel beugte sich über den Salat, um das Pflanzenstück, auf das Frau Wacholder mit ihrem Krällchen zeigte, zu betrachten.

"Dann sollten wir wohl nachfragen gehen, wer den Salat für heute zusammengeworfen hat."

Sie hob ihr Köpfchen, um sich im Raum nach dem nächsten Mitglied der Robinie Familie umzusehen. Die Gäste hatten sich wieder ums Buffet eingefunden, obwohl das Getuschel einen wesentlich düsteren Ton angenommen hatte.

"Ähm," sagte Frau Wacholder hinter ihr.
"Es ist Tradition, dass die Gastgeberin den Salat macht. Glauben sie wirklich, dass Frau Robinie..."

Nein, das glaubte sie nicht wirklich; nicht auf ihrem eigenen Ball. Nicht nachdem Die Herzogin ihr erzählt hatte, dass Frau Robinie eine der ersten gewesen war, die Frau Esche im Wald willkommen geheißen und sie auch seitdem unter ihre Fittiche genommen hatte.

"Dann muss es eben jemand anderes auf den Ball und dann in den Salat geschmuggelt haben."

"Wäre es nicht zu gefährlich, einfach so ein Stück Giftpflanze mit sich herum zu tragen?", gab Frau Wacholder zu bedenken.

"Tja, wie machen sie es denn?"

"Ich rolle eine temporäre Tasche aus Kastanienblättern, wenn ich etwas transportieren muss."

Frau Brennessel legte das Köpfchen schief und überlegte. Würde jemand hier es riskieren, den ganzen Abend eine Tasche tödlichen Giftes unter dem Flügel zu tragen? Ohne es jemals fallen zu lassen, ohne sich einen Krampf im Flügel zu holen oder sich aus Versehen selbst zu vergiften?

"Vielleicht war das Stück Blumenzwiebel ja schon hier und ..."

"Wenn ich sie unterbrechen dürfte... ich glaube, wenn es nur ein Stück gewesen wäre, wäre es schon sichtlich gebräunter."

Sie war plötzlich sehr froh, Frau Wacholder als improvisierte Assistentin zu haben.

"Die ganze Zwiebel also! Umso wahrscheinlicher, dass sie auf dem Gelände versteckt ist."

Frau Wacholder sah sie fragend an.

"Es zum Ball zu bringen wäre ein gefährliches Unterfangen, und wenn der Mord geplant war, was er augenscheinlich war..." sagte sie und tat den Gedanken an einen Unfall ab, sobald er ihr kam.

"Selbst wenn sie damit Recht haben, was auch immer wir davon haben würden das Versteck zu finden, ist es sicher nicht wert, den gesamten Baum von der Wurzel zur höchsten Zweigspitze zu durchkämmen," sagte Frau Wacholder, die langsam an Selbstbewusstsein zu gewinnen schien, sobald jemand ihrer Meinung ein Mindestmaß an Beachtung schenkte.

"Aber das müssen wir doch gar nicht," widersprach Frau Brennessel.

"...Nicht?"

"Der Salat war, wie die Tradition es vorschreibt, kurz vor Beginn des Balls frisch zubereitet worden. Wir haben also ein eingeschränktes Zeitfenster, in dem das Gift in Frau Esches Portion geschmuggelt worden sein kann. Und niemand durfte es bemerken."

Frau Wacholder, die ihr gebannt zuhörte, nickte.

"Es folgt also," fuhr Frau Brennessel fort und wanderte herüber zum Buffettisch, "dass wenn der Salat während des Balls vergiftet wurde, das pflanzliche Mordinstrument in nächster Nähe sein muss!"

Sie steckte ihr Köpfchen unter den Buffettisch und hüpfte vor Triumph, sodass sie ihren Hinterkopf gegen die Tischplatte schlug. Frau Wacholder schob die Tischdecke neben ihr beiseite und rief überrascht "Oh!".
In einer Kuhle im Boden, deren Kaschierung dieser Tisch vermutlich seine Platzierung verdankte, lag auf einem Nest von jungen Eichenblättern eine Blumenzwiebel. Eine Seite war sichtbar aufgepellt worden, von hastigen Krällchen aufgeschlitzt, damit kleine Teile der eng gepackten Blätter entnommen werden konnten.

"Schieben wir den Tisch beiseite," schlug Frau Brennessel vor, und sie machten sich an die Arbeit. Dabei kippten sie die Schale kandierter Bucheckern um, die auf der Ecke stand, aber niemand kam, um sie darüber zu belehren.

"Es ist gewiss eine Osterglocke," sagte Frau Wacholder bestimmt, als sie es geschafft hatten und über der zum Vorschein gekommenen Mordwaffe standen.

"Du kannst sowas am Aussehen erkennen?", fragte Löwenzahn beeindruckt, die unerwartet in Hörweite stand. Die Jungtaube, wohl von der Umräumaktion angezogen, spähte interessiert über den Tisch. Es war eine berechtigte Frage, dachte sich Frau Brennessel.

"Keineswegs. Ich kann nur beurteilen, dass es meine Zwiebel ist."

"Bitte?", rief Frau Brennessel.

"Bitte?", rief Löwenzahn.

Frau Wacholder plusterte sich ein wenig auf, als würde ihr ihre Rolle in diesem Drama mehr und mehr behagen.

"Es ist spät genug im Jahr, dass eine frisch ausgegrabene Blumenzwiebel schon ausgetrieben haben sollte. Gerade Anfang letzter Woche habe ich mich gewundert, wieso ich dieses Jahr nur zwei Osterglocken zu haben scheine."

"Sie glauben, jemand hat ihnen eine Osterglocke geklaut? Vor mehr als einer Woche?", fragte Löwenzahn, baff und fiel fast über einen in der Nähe stehenden Kastanienhocker, als sie um den Tisch herumkam. Frau Wacholder nickte wichtigtuerisch.

"Was ein sorgfältig bis ins kleinste Detail geplanter Mord," bemerkte Frau Brennessel.
"Also gut - Dann gehen wir mal herausfinden, wer am Aufbau der Buffettische beteiligt war."


Kapitel 5

Frau Robinie war zu einer breiten Astgabel abseits des Baumhausbodens gebracht worden, in der sie ein wenig von der Menge abgeschirmt war.
Lavendel, eine junge Türkentaube, die sich bisher an den Rändern des Balls herumgetrieben hatte, saß bei ihr und richtete sich aufmerksam auf, als Frau Brennessel, Frau Wacholder und Löwenzahn sich näherten.

"Frau Robinie braucht ihre Ruhe," tadelte er. Die Federn in seinem Gesicht waren noch nicht voll eingewachsen, was sein Schnäbelchen lang und dürr aussehen ließ. Trotz seiner nicht sehr einschüchternden Präsenz trat er einen Schritt vor, um sich zwischen Frau Brennessel und Frau Robinie zu positionieren.

"Wir wollen sie nur etwas fragen," erklärte Frau Brennessel ruhig.

Während Lavendel sie misstrauisch musterte, erhob sich hinter ihm Frau Robinie.

"Wissen Sie was hier vor sich geht? Lavendel sagt mir, meine Tochter hat bereits dafür gesorgt, dass Frau Esche von der Tanzfläche gebracht wurde, aber... Oh es ist furchtbar-"

Lavendel riet ihr sofort, sich wieder hinzusetzen und sich weiter auszuruhen und lief unruhige kleine Kreise um sie herum, als deutlich wurde, dass Frau Robinie seinen Rat zu ignorieren gedachte.

"Wir versuchen den Mord zu lösen," erklärte Frau Brennessel unverblümt. Frau Robinie schreckte auf.
"Mord!"

"Ja. Giftmord."

Frau Robinie warf einen wenig subtilen Blick in Richtung Frau Wacholders und setzte sich wieder, was die Jungtaube an ihrer Seite zumindest ein wenig zu beruhigen schien.

Aus Höflichkeit ließ sich auch Frau Brennessel steif nieder.

"Es würde helfen, wenn Sie uns sagen könnten, wer alles am Aufbau für den Ball beteiligt war."

"Nun," begann sie, nachdenklich nickend, und aus dem Augenwinkel konnte Frau Brennessel sehen, wie sich Löwenzahn gespannt nach vorne lehnte.
"Die üblichen Freunde: Herr Weißdorn, die Lindes, Rosmarin, Magnolie - auch wenn sie selten tatsächlich hilft. Und mein Tulpe, natürlich. Klee war diesmal zu beschäftigt damit, sich bei den Nachbarn vorzustellen. Es hatten sich ja alle darauf gefreut, sie wieder zu sehen..."

Frau Brennessel bedankte sich höflich, wenn auch eilig, und versicherte ihr, dass sie ihr Bestes täten.

Lavendel sah ihnen nach, mit noch mehr Unmut als er getan hatte, als sie kamen.


Kapitel 6

"Die Verdächtigenliste schrumpft," bemerkte Löwenzahn, als sie an einem fast geleerten Büffettisch anhielten.

"Wir sind uns einig, dass es Tulpe Robinie nicht gewesen sein kann?", fragte Frau Wacholder.

"Wieso, ist er so friedfertig?"
Frau Brennessel kannte ihn nur aus den Erzählungen ihrer Tante und war auch heute nicht dazu gekommen, wirklich mit ihm zu reden. Sie hatte eigentlich den starken Eindruck bekommen, dass er noch weniger hier sein wollte als sie. Und sie konnte sich kaum einen effektiveren Partykiller vorstellen als einen Mord.

"Frau Brennessel," sagte Frau Wacholder ernst, "das Verdächtigste, was der Junge je verbrochen hat, ist, dass er keine eingelegten Bucheckern mag. Aber er hat kein gewalttätiges Federchen auf seinem ganzen Körper."

"Er ist ein missmutiger kleiner Pazifist," stimmte Löwenzahn ihr zu. "Kann nicht mal seiner eigenen Mutter sagen, dass er nicht kommen will, weil es ihr den Ball verderben könnte."

"Meinetwegen," räumte Frau Brennessel ein, "wenn ihr euch so sicher seid, dann schließen wir ihn erst einmal aus. Wen haben wir noch?"

"Die Lindes, Frau Buche, Die Herzogin, und" - und hier warf sie Löwenzahn einen unsicheren Blick zu - "und meinen Vater," vollendete die Jungtaube.

Frau Brennessel nickte.

"Dann sollten wir vielleicht erst einmal die anderen Gäste befragen und sehen ob jemand etwas Verdächtiges beobachtet hat."


Kapitel 7

"Wirklich? Ich hatte gehört, sie hätte sich aufs Land verzogen, um zu verstecken, dass sie ein Kuckucksei im Nest hatte!", kicherte Frau Amsel gerade, und Die Herzogin und Frau Robinie die jüngere gurrten vor Lachen.

"Herr Tanne ist überzeugt, sie wäre-" begann Herr Ahorn beizupflichten, doch er beendete seinen Satz nicht, denn gerade hatten sich seine Gesprächspartner Frau Brennessel und ihrer neuen Entourage zugewandt, die zur Gruppe dazu gestoßen waren.

"Überzeugt, wer wäre was?", fragte diese, von Taube zu Taube schauend.
"Was denkt ihr, wer es war?", fragte Löwenzahn gleichzeitig und wesentlich lauter.

"Ähm," sagte Frau Robinie, die sich bei solch vulgären Angelegenheiten unwohl fühlte, doch Frau Amsel war sofort bereit den Themenwechsel mitzumachen.

"Naja also - Frau Magnolie kann es ja nicht gewesen sein," erklärte sie ganz selbstverständlich. "Also denke ich mir, wer würde sich über ihren Tod freuen? Herr Weißdorn sagt ja nie etwas, aber ich bin mir schon immer sicher gewesen, er hat sie gehasst-" Erst da fiel ihr wohl auf, mit wem sie redete. Das schien Löwenzahn häufiger zu passieren.
"Oh Liebling- das tut mir Leid," stotterte sie beschämt.

"Ja ja," sagte Löwenzahn genervt und reckte ihr ungleichmäßig befiedertes Hälschen einschüchternd.

"Vielleicht war es ja Herr Eiche, und er hat ihr in Wahrheit nie vergeben, dass sie so respektlos war bei ihrem ersten Treffen," schlug Herr Ahorn vor, der nie Herrn Eiches Gunst genossen hatte und sich davon schon immer gekränkt gefühlt hatte.

"Wer weiß ob der Mörder überhaupt jemand von uns ist," gab Die Herzogin optimistisch zu Bedenken.
"Also ich personnellement habe gehört, sie war mit diesen Krähen vom Waldrand befreundet. Vielleicht wollten sie ein Zeichen setzen!"

"Ein Zeichen?", hakte Frau Brennessel nach.

"Natürlich!", sprang Frau Amsel ein, die dafür bekannt war, starke Meinungen über Rabenvögel zu haben.
"Damit sonst keiner auf die Idee kommt, sie aufzusuchen."

"Oder anderen aufrichtigen Vögeln mit ihnen zu drohen," fügte Herr Ahorn hinzu und plusterte sich ein wenig auf, was Frau Brennessel vermuten ließ, dass er aus persönlicher Erfahrung sprechen musste.

Hier wurde Frau Wacholder plötzlich aufmerksam- "Drohen?"

"Ach, Frau Linde behauptet, sie hätte ihr erst letzten Mond damit gedroht, ihre 'Freunde' einzuladen. Das glaube ich aber nicht wirklich, pour être honnête," erklärte Die Herzogin, beunruhigend gelassen angesichts des derzeitigen Gesprächsgegenstandes.

"Ja, Frau Linde mochte sie noch nie. Keine zuverlässige Quelle," stimmte ihr Frau Robinie zu.

"Genau," nickte Die Herzogin.

"Genug um sie umzubringen?", fragte Frau Brennessel, und musste sich wirklich bemühen nicht zu eifrig zu klingen.

"Ach was! Die alte Meckertaube redet und redet, aber hat eben doch keinen Arsch in den Daunen," warf Frau Amsel hämisch ein.

"Vielleicht würde Herr Linde es ja für sie machen," sagte Löwenzahn, ein wenig bissig. Bis gerade eben hatte Frau Brennessel völlig vergessen, dass die beiden sich nicht besonders mochten.

"Das zarte Täubchen, das nicht mal Blut sehen kann!", rief Die Herzogin, und die Gruppe brach in zwitscherndes Lachen aus, während Löwenzahn schmollte.


Kapitel 8

Sie begaben sich zum nächsten Tisch, wo Holunder, Herr Kastanie und Champignon in ein Gespräch über Rüsselkäfer vertieft waren.

"Oh, Liebling," unterbrach sich Holunder sofort um ihre Nichte zu begrüßen, "du kannst es auch nicht lassen, dich bei so etwas einzumischen."

"So bin ich eben," erwiderte Frau Brennessel und wünschte sich Holunder würde das nicht so vor versammelter Runde sagen.

"Also dann. Ich nehme an, du bist hier um uns zu vernehmen?"

Löwenzahn lachte und Frau Brennessel trat nach ihr. Die Jungtaube wich mühelos aus.

"Wir sind hier um zu fragen, wen ihr im Verdacht habt. Du wirst verstehen, Tante, dass ich dir unsere Verdächtigenliste nicht verraten kann..."

"Das ist uns schon klar, nicht wahr, Jungs?"

Herr Kastanie und Champignon nickten brav.

"Also," begann Champignon vorsichtig, "ich dachte mir, vielleicht ist Frau Robinies Tochter ja neidisch..."

"Worauf sollte sie denn neidisch sein?", widersprach ihm sofort Löwenzahn. "Wir wissen doch alle, dass sie nicht freiwillig zurückgezogen ist. Es könnte Klee wahrscheinlich kaum weniger kümmern, wen Frau Robinie bemuttern will."

"Mann, jedes Mal machst du das! Nie kannst du einfach mal stehen lassen, was ich sage!", rief Champignon verärgert.

"Dann sag halt nicht so dumme Dinge!", rief wiederum Löwenzahn und die beiden gingen ein wenig abseits um ihren Streit voll auszuleben. Holunder seufzte tief.

"Okay," sagte Frau Brennessel nach einer kurzen Weile betretener Stille, "wenn niemand einen anständigen Verdacht hat..."

"Haben Sie vielleicht eine Theorie, wer es nicht gewesen sein könnte?", fragte Frau Wacholder.

"Sicher keine der Jungtauben," sagte Herr Kastanie, bestimmter als Frau Brennessel ihn je hatte reden hören. Alle stimmten ihm, wie es sich gehörte, zu und Holunder warf Löwenzahn und Champignon, die begonnen hatten, mit den Flügeln nach einander zu schlagen, einen unglücklichen Seitenblick zu.

"Ich denke nicht, dass Frau Robinies Kinder so etwas tun würden. Dass ich an Magnolie als Mörder nicht glaube, habe ich auch schon gesagt."

"Es ist eine lächerliche Anschuldigung," pflichtete ihr Herr Kastanie bei.

"Frau Linde hat sich gerade erst die Hüfte verletzt, nicht wahr? Alles, was sie bei der Ballvorbereitung machen konnte, war den Dekor aufzuhängen. Ich glaube sie kann ihre Krällchen derzeit gar nicht hoch genug heben, um etwas auf den Tisch zu stellen."

Beim nächsten Gedanken der ihr kam, schüttelte sich Holunder.

"So ungern ich es zugebe, Herr Amsel würde so etwas nie tun. Ich glaube, es wäre wahrscheinlicher, ihn als Mordopfer denn als Mörder aufzufinden."

"Frau Esche aufzuziehen mochte er besonders," sagte Frau Wacholder.


Kapitel 9


Kapitel 10


Kapitel 11


Kapitel 12